| Ralf Hansen
Ein kritischer Überblick über
kriminelles Verhalten Jugendlicher
Eine Rezension zu: Michael Walter
Jugendkriminalität
2. Auflage Boorberg-Verlag, Stuttgart 2001, 337 S., € 24,- ISBN 3-415-02896-8 http://www.boorberg.de
Die sehr materialreiche Untersuchung gliedert sich in
drei Teile. Im ersten Teil wird das Phänomen der Jugendkriminalität
als besonderes gesellschaftliches Phänomen sehr eingehend untersucht.
Der Verfasser, Ordinarius an Universität zu Köln, nähert sich dem
Forschungsgegenstand sehr kritisch und entlarvt auch einige
Fehlvorstellungen, indem er etwa den Blick auf die Proportionen lenkt.
Nach wie vor werden die schlimmsten sozialen Schäden durch
Erwachsenenkriminalität hervorgerufen. In gewisser Weise wird hier
eine “Stellvertreterdebatte” geführt, die immer wieder in der
Beschwörung erheblicher Kriminalitätsanstiege gipfelt, deren
Bedeutung sich angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen
kriminologisch relativiert. Dies sagt nichts über die notwendigen
Anstrengungen der Sicherheitspolitik aus, dem angemessen zu begegnen.
Zur Verharmlosung besteht kein Anlaß. Derartiges wird in diesem nüchternen
und sehr differenzierten Buch auch nicht unternommen. Walter zeigt
sehr klar, daß das theoretische Verständnis der Jugendkriminalität
- als solche erst im 19. Jahrhundert erfaßt - und der Reaktionsideale
aufeinander bezogen sind. Diese Reaktionsformen werden auch sehr
eingehend in historischer Perspektive rekonstruiert. Schwieriger ist
die Darstellung der theoretischen Erfassung, da hier vielfache
Streitigkeiten zwischen diversen “Schulen” zu verzeichnen sind und
letztlich nur ein integrativer Ansatz Erfolg verspricht, der indessen
noch nicht konsensfähig ist, bestenfalls in Teilbereichen. Die
verschiedenen Ansätze werden sämtlich dargestellt und kritisch geprüft.
Besonders beeindruckend sind die Ausführungen, die versuchen Rückschlüsse
aus einer Soziologie der Stadt auf die Jugendkriminalitätsentwicklung
zu ziehen. Etwa im Bereich betonierter Hochhaussiedlungen kann dies
weltweit belegt werden können (s. nur Pierre Bourdieu, Das Elend der
Welt, dt., 2. A., 1997). Sehr präzise werden Ansätze zur Erfassung
von Kriminalität dargestellt. Der Verfasser betont mit Recht, daß
der Weg von der parlamentarischen Normsetzung zur Gesetzesanwendung
weit ist; mitunter sogar sehr weit. Insoweit bemüht er richtigerweise
auch Ansätze der politikwissenschaftlichen
Normenimplementationsforschung. Lösungen auf theoretischem Sektor
lassen sich hier nur formulieren, wenn auf Ansätze zu einer
Soziologie der Jugend zurückgegriffen wird. Dies unternimmt der
Verfasser in beeindruckender Dichte, indem die wesentlichen Aspekte
des Sozialisationsprozesses in die Analyseperspektive einbezogen
werden, etwa hinsichtlich der Funktion des Wechsels von Bezugsgruppen.
In dieser Hinsicht thematisiert der Verfasser auch die
Migrantenproblematik mit größtmöglicher Differenziertheit. In
letzter Zeit wird verstärkt dem Thema “Gewalt durch Jugendliche”
breiter öffentlicher Raum gewährt. Es ist überaus konsequent, daß
Walter dieses Thema nüchtern und sachlich aufarbeitet. Bereits
eingangs zeigt er auf, daß ein soziologisch verstandener
Gewaltbegriff erhebliche Probleme bei der Begriffsbildung bereitet,
dessen Schwierigkeiten durch eine selektive gesellschaftliche
Wahrnehmung noch vertieft werden. Sein Blick ist von tiefer Skepsis
geprägt. Einer Skepsis, die die Wertbezogenheit auch
wissenschaftlicher Darstellung nicht verschweigt, sondern reflexiv zu
machen versucht. In diesem Zusammenhang geht er auch intensiv auf das
sehr aktuelle Thema “Gewalt in Schulen” ein. Schulische Gewalt
wird indessen selten in der Schule erzeugt, sondern ist umfeldabhängig.
Die Anfälligkeit der Hauptschulen ist im übrigen nicht erst seit kürzerem
bekannt, sondern wurde bereits vor Jahrzehnten thematisiert. Insofern
verwundert es nicht, wenn der Verfasser auf die
“Gewaltfeststellungsmacht” der Medien eingeht, die eine gewisse
Vorselektion des öffentlichen Diskurses vornehmen, die Öffentlichkeit
machtbezogen strukturiert. Theoretische Annahmen - auch
Fehlvorstellungen - prägen insbesondere das JGG, wie der Verfasser
anhand einiger zentraler Normen zeigt.
Teil II der Darstellung widmet sich den konkreten Erscheinungsformen der Jugendkriminalität. Hier wird zunächst einmal auf die Dunkelfeldforschung eingegangen, um anschließend den Wert empirischer Untersuchungen und Befunde kritisch zu analysieren, die von Erkenntnisinteressen abhängen und nicht per se “wertfrei” sind. In diesem Rahmen erfolgt auch eine realistische Bewertung der Funktion von Kriminalitätsstatistiken. Die Darstellung liefert hier interessantes Zahlenmaterial und bewertet sie mit der gebotenen Vorsicht. Besonders sorgfältig wird das Phänomen des Kriminalitätsanstieges in seiner empirischen Meßbarkeit untersucht. Walter geht hier von einer stetigen Steigerung seit “Entdeckung” der Jugendkriminalität aus. Dies führt nach seiner Auffassung jedoch nicht zu einer Entdramatisierung. Die “Quoten” relativieren sich, setzt man sie in Beziehung zur gesellschaftlichen Entwicklung, deren Korrektur durch Strafrecht nur äußerst marginal möglich ist. Sehr aktuell ist auch die Aufarbeitung des Phänomens der Medienkriminalität, der ein eigenes Unterkapitel gewidmet ist. Den Gewöhnungseffekten will der Verfasser den aufgeklärten Menschen mit Medienkompetenz entgegenstellen, der indessen durch Medienkonsum allein nicht “hergestellt” werden kann und einen anderen Umgang zwischen Mensch und Medien voraussetzen würde, der gegenwärtig nicht in Sicht ist. Der kurze Teil III widmet sich dem Zusammenhang zwischen Jugendkriminalität und Viktimologie und stellt junge Menschen in ihrer Funktion als Täter und Opfer in den wesentlichen Zusammenhängen dar. In allen Kapiteln wird die Literatur umfassend verarbeitet und nachgewiesen, so daß dieses Buch eine wahre “Fundgrube” für den Interessierten gibt. Die Vielschichtigkeit dieses Buches kann eine Rezension bestenfalls unvollkommen wiederspiegeln.
Es dürfte gegenwärtig keine andere Darstellung
geben, die das Phänomen der Jugendkriminalität tiefgehender
und differenzierter in monographischer Dichte lehrbuchartig
aufarbeitet, so daß dieses Buch nicht nur Studenten, sondern auch
Wissenschaftler, Praktiker und vielleicht auch interessierte Lehrer
sehr ansprechen wird.
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