|
|
|
Verfahrensrecht vor dem EuGH
Eine Rezension zu:
Alexander Thiele
Europäisches Prozessrecht
Das neue Lehrbuch stellt in einer beeindruckend konzentrierten Form das
Verfahrensrecht vor dem EuGH, bezieht aber selbstredend auch das Gericht
erster Instanz ein. Das Lehrbuch behandelt die Grundlagen des europäischen
Prozessrechtes in einer Art und Weise, die auch für die juristische Praxis
von Interesse ist, da es dem Leser ermöglicht, sich schnell und umfassend in
diese Materie einzuarbeiten.
Die Verzahnung zwischen Europarecht und nationalem Recht sind inzwischen
dermaßen eng, dass jedenfalls in einem Zivilrechtsstreit oder einem
Verwaltungsstreit sich relativ rasch die Möglichkeit ergeben kann, das
europäische Prozessrecht zu berühren. Die Schwerpunktsetzung wird von den
Erfordernissen der Praxis und Ausbildung beherrscht und liegt beiden
bedeutendsten Verfahrensarten, also bei den Vorabentscheidungsverfahren und
den Nichtigkeitsklagen. Nicht dargestellt werden die Verfahren nach dem
Unionsvertrag, die eine praktisch eher untergeordnete Rolle spielen, deren
Grundlagen sich aber auf der Basis der Ausführungen des Verfassers leicht
erarbeiten lassen dürften.
Der 1. Teil enthält einen Überblick über das gemeinschaftsrechtliche
Rechtsschutzsystem. Er konkretisiert den Rechtsschutzauftrag des EuGH, dessen
Entscheidungen die europäische Rechtskultur nachhaltig prägen, stellt den
Aufbau der europäischen Gerichtsbarkeit dar und geht in diesem Rahmen
selbstredend auch näher auf das Verhältnis der mitgliedschaftlichen Gerichte
zur EuGH - Rechtsprechung ein. Die Qualität dieses Kooperationsverhältnisses
ist nach wie vor umstritten. So lehnt der EuGH in ständiger Rechtsprechung
eine Letztentscheidungskompetenz der höchsten nationalen Gerichte ab, die
etwa vom BVerfG betont wird. Der Verfasser vertritt insoweit die Auffassung,
dass eine Unanwendbarkeitserklärung eines höchsten nationalen Gerichts immer
nur ultima ratio sein kann, da sie ein Scheitern der Kooperation voraussetzt,
so dass in derartigen Fällen ein Vorabentscheidungsverfahren einzuleiten ist.
Gut skizziert werden die teilweise spezifischen und sich an der romanischen
Rechtstradition orientierenden Auslegungsmethoden des EuGH, um so dann die
einzelnen Verfahrensarten im Überblick vorzustellen.
Der zweite Teil enthält eine straffe Übersicht über die wesentlichen
Verfahrensarten, einsetzend mit dem Vertragsverletzungsverfahren, die bei
jeder möglichen Verletzung des Gemeinschaftsrecht möglich sind. Sämtliche
Verfahren werden am Schluss eines Abschnittes in einem Schema zusammen
gefasst, dass alle wesentlichen Informationen in Kurzform enthält. Ein
weiterer Schwerpunkt liegt auf den Nichtigkeitsklagen privilegierter und nicht
privilegierter Kläger, um so dann die Untätigkeitsklage eingehend
darzustellen, die sich auch auf den Erlass unverbindlicher Stellungnahmen oder
Empfehlungen richten kann, was der Verfasser als zu weitgehend kritisiert.
Intensiv dargestellt wird das Vorabentscheidungsverfahren, wobei auch die
Anforderungen an den Inhalt der Vorlagefrage eingehend behandelt werden.
Darüber hinaus wird das Amtshaftungsverfahren nach Art. 235 EG dargestellt.
Teil 3 stellt zunächst die - allerdings begrenzten - Möglichkeiten eines
einstweiligen Rechtsschutzes dar, der im Vorabentscheidungsverfahren nicht
möglich ist. Die Erfolgsquote ist relativ gering. Dieser Teil behandelt
darüber hinaus, dass Rechtsmittelverfahren zum EuGH bei Zuständigkeit des
EuG in erster Instanz.
Der band bietet eine konzentrierte und kompakte Möglichkeit sich die
Grundlagen des europäischen Prozessrechts präzise zu erarbeiten.
|