Ralf Hansen
Schuld und Alkohol
Eine Rezension zu:
Frank
Schneider/Helmut Frister (Hrsg.)
Alkohol
und Schuldfähigkeit
Entscheidungshilfen
für Ärzte und Juristen
Erstauflage
Heidelberg:
Springer - Verlag, 2002, 221 S., E 39,95,-
ISBN
3-540-41924-1
Ein
erheblicher Anteil von Straftaten wird unter massiven Einfluß von Alkohol
begangen, von illegalen Drogen ganz zu schweigen. Nicht erst in der
Hauptverhandlung, sondern schon im Ermittlungsverfahren stellen sich daher die
Fragen der §§ 20, 21 StGB, die für den Juristen ohne fachkundige medizinische
Hilfe in aller Regel kaum lösbar sind. So werden in aller Regel spätestens im
Vorverfahren Gutachten medizinischer Sachverständiger aus rechtsmedizinischen
Instituten angefordert. Die in diesem Sammelband enthaltenen Texte wollen
Grundlagen schaffen für eine angemessene Interaktion zwischen Sachverständigen;
Gericht, Staatsanwaltschaft und Anwaltschaft. Dabei werden alle praxisrelevanten
Bereiche abgedeckt.
Burscheidt
und Schneider untersuchen aus medizinischer Sicht in einem sehr lesenwerten
Beitrag die Grundlagen der Alkoholkrankheit unter dem Blickwinkel verschiedener
medizinischer Forschungsansätze, wobei ihr Augenmerk insbesondere auch
toxikologischen Fragestellungen gilt. Habel und Schneider widmen ihren
hochinteressanten Beitrag der Diagnostik und Symptomatik von
Alkoholintoxikationen. In diesem Rahmen erörtern sie zunächst einmal die
verschiedenen Rauschphasen, mit Blick auf deren forensische Bedeutung. Um
anschließend eine wissenschaftlich abgesicherte Typologie der Alkoholabhängigkeit
zu entwerfen. Besonders interessant ist hier die Darstellung der Folgen
chronischen Alkoholmißbrauchs, wobei die Verfasser ein Höchstmaß an
Differenziertheit entwickeln, um Formen lediglich schädlichen Alkoholmißbrauchs
von chronischer Alkoholabhängigkeit abzugrenzen. Diese Abgrenzungen sind auch
strafrechtlich von hohem Interesse, da sie auf die Tatbestandsmerkmale der §§
20, 21 StGB letztlich bezogen werden müssen. Foerster und Leonhardt untersuchen
anschließend die Beurteilung der Schuldfähigkeit bei akuter
Alkoholintoxikation und Alkoholabhängigkeit, indem sie eben die genannten
medizinischen Befunde auf die Schuldfähigkeitsbeurteilung beziehen und dabei
selbstredend auch kriminologische Aspekte miteinbeziehen. Haffner und Blank
widmen sich Fragen der BAK-Berechnung, die für die Gutachtenspraxis von höchstem
Belang sind. Dieser Beitrag ist gerade für Richter und Strafverteidiger von höchsten
Interesse, da die verschiedenen Methoden hier ausgezeichnet referiert werden.
Juristen kann nicht erspart werden, sich mit diesen Grundlagen vertraut zu
machen, um diese Gutachten angemessen verstehen zu können. Schmelz untersucht
die gesetzlichen Grundlagen der Blutentnahme, die insbesondere auch Krankenhausärzten
weitgehend vertraut sein müssen, da sie regelmäßig zwecks Durchführung von
Maßnahmen nach § 81 a StPO aufgesucht werden. Die Pflichten des durchführenden
Arztes und seiner Rechte werden derartig plastisch dargestellt, daß die Lektüre
dieses Beitrages potentiell betroffenen Ärzten sehr empfohlen werden kann.
Einen weiteren Höhepunkt dieses interessanten Bandes bietet der Beitrag von
Rissing-van Saan zur Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit bei der Begehung von
Straftaten und deren strafrechtlichen Folgen. Im Zentrum des Beitrages steht die
empirische Ausfüllung der normativen Kriterien der §§ 20, 21 StGB und die
Folgen der Bejahung dieser Normen, die statt Strafe zu einer Verhängung von Maßregeln
führen kann, deren Eingriffsintensität hoch ist, etwa bei Hangtätern. Deiters
beleuchtet in einem sehr kritischen Beitrag die äußerst umstrittene
Rechtsfigur der actio libera in causa, deren Verfassungsgemäßheit zunehmend
angezweifelt wird. Auch die Angemessenheit des “Ausnahmemodells” zieht er
mit interessanter rechtspolitischer Kritik in Zweifel. Der Weg von der actio
libera in causa zum Vollrauschtatbestand ist nicht weit, weshalb Renzikowski
gleich anschließend das Labyrinth der Dogmatik des § 323a StGB eingehend
untersucht und auch rechtspolitische Ansätze seiner Reform erfreulicherweise
gleich mitbehandelt. Stetter widmet sich Fragen der angemessenen Therapie von
Alkoholerkrankungen. Schalast und Leygraf untersuchen in einem sehr lesenswerten
Beitrag die Möglichkeiten der Unterbringung und Behandlung im Maßregelvollzug
gemäß § 64 StGB.
Der
gut konzipierte Sammelband bietet eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich mit den
Fragen der Schuldunfähigkeit bei Alkoholmißbrauch kritisch und fundiert, in
interdisziplärer Weise auseinanderzusetzen.